#6 Langer Lauf

Eine Runde um den Schluchsee

Eigentlich sollte das Wochenende im Schwarzwald ja zur Entspannung dienen. Das tat es auch. Aber nicht durchgängig. Am Samstag packte uns bei azurblauem Himmel doch die Lauflust. Ich und meine Frau Steffi wollten es also wissen: Wie weit würden wir wohl kommen? Unsere Unterkunft lag direkt am Ufer des idyllischen Schluchsees im Schwarzwald. Was uns entgegen kam: Am Ufer entlang ist es meistens flach.

Wir fragten an der Rezeption, wie weit denn eine komplette Umrundung des Sees sei? 18 Kilometer kämen da schon zusammen, sagte die freundliche Dame vom Hotel. Den Plan, die Strecke komplett zu traben, begruben wir in diesem Moment. Aber: Warum nicht mal drauf los und dann den Rest gehen? Oder mit dem Zug? Von unserem Ort, der tatsächlich „Aha“ heißt, waren es zirka zehn Kilometer bis nach Seebrugg – am schöneren Ufer entlang. Das klang schon eher realistisch. Von dort aus könnten wir den Rest mit dem Zug heimgondeln und hübsch die Beine hochlegen. Daraus sollte nichts werden, aber eins nach dem anderen.

Also ging es los. Wir stapfen vorbei an tief eingeschneiten Schwimmstegen, die auf der Wiese am Ufer überwintern. Irgendwie ein seltsamer Anblick, diese sonst schwimmenden Ungetüme trockengelegt und doch von Wasser umgeben – gefrorenem eben. Doch bis wir den Einstieg in den Seeweg gefunden haben, irren wir erstmal joggend neben der Bundesstraße 500 herum. Ein Spaziergänger weist uns dann den Weg. Runter vom Asphalt – endlich. Der Schnee hat allerdings auch seine Tücken. Steffi hat nur „normale“ Laufschuhe an, die kein besonderes Profil haben. Auf den vereisten Wegen ist das wenig optimal und während der Strecke rutscht sie bestimmt drei mal fast aus. Mit meinen Trail-Tretern bin ich klar im Vorteil. Hehe.

Endlich haben wir den ersten Zipfel des Sees umkurvt. Dabei fällt auf, dass Wege, die einen See umrunden, etwas trügerisches haben. Ständig denken wir: Da muss es doch jetzt mal links rüber gehen. Geht es aber nicht. Oder erst viel weiter im Wald, als man denkt. Der Schluchsee ist an dem Tag fast ganz zugefroren, wobei das Eis zur Mitte hin dünner und dünner wird und an vielen Stellen ganz fehlt. Trotzdem sind in unserer – schattigen – Ecke des Schluchsees Menschen auf dem Eis. Mutig.

Was sagt die Uhr? Steffi hat eine Apple Watch und kann die Distanz ganz einfach ablesen. Ebenso die Herzfrequenz. Und die Schrittkadenz. Schon praktisch. Wir sind erst 3,47 Kilometer gelaufen, und doch zieht bei ihr bereits das Knie. Wir legen mal eine Gehpause ein, genießen das gleißende Licht und den Schnee, der unter den Sohlen knirscht. Bald traben wir wieder los, das Knie gibt wieder Ruhe. Gleichmäßig spulen wir Meter für Meter, Kilometer für Kilometer runter. Jeder in seinem Mantra, rhythmisch schnaufend.

Bei Kilometer 5,6 öffnet sich die Landschaft, wir erreichen einen Gasthof. Auf der Terrasse stehen Liegestühle und Decken bereit. Achtung, Schweinehund-Alarm! Nix da: weiter geht’s in den Wald. Jetzt kommt der erste laaaaange und sanfte Anstieg. Und wieder glatte Rutschpassagen. Als wir bei Kilometer 7,1 endlich die Kuppe erreichen und es Richtung Seeufer wieder laufen lassen können, macht sich eine gewisse Erleichterung breit. Weil: So langsam geht uns konditionell der Sprit aus.

Der Weg verengt sich zu einem Trampelpfad, wird wurzelig. Wir wollen die zehn Kilometer schaffen, etwa bei der Staumauer am Ende des Schluchsees müssten wir es haben. Japsend halten wir nach einem Wegweiser Ausschau: Keiner da. Puh. Also weiter. Dann, endlich, weist uns ein Schild den Weg: Staumauer noch 1,8 Kilometer. Also Endspurt. Der Pfad führt jetzt direkt am Hang das Seeufer entlang. Das Wasser liegt uns links zu Füßen, etwa 5 Meter unter uns.

Ständig müssen wir Spaziergängern und Walkern – was ist da eigentlich der Unterschied? egal – ausweichen. Kurven später knickt der Weg nach rechts, nur noch ein paar hundert Meter und: jawoll wir nehmen die Staumauer unter die Füße. Der stählerne Übergang hallt schön beim Überqueren, ich lasse noch mal die Beine fliegen und power mich aus. Geschafft. Nach 10,2 Kilometern lassen wir es gut sein.

Nach der Staumauer laufen wir den See am genau anderen Ende ab. Jetzt sind wir maximal weit vom Hotel weg. Der Zug von Seebrugg heim stand eine ganze Weile da, als hätte er auf uns gewartet. Aber ein paar Minuten, bevor wir in Laufweite sind, setzt er sich lautlos in Bewegung. Tja, das war’s dann wohl mit Beine hochlegen. Bevor wir eine Stunde auf den nächsten warten, machen wir uns zu Fuß auf den Rückweg. Im Gehtempo, wohlgemerkt. Das zieht und zieht sich allerdings. Wir streifen kurz den Ort Schluchsee, in dem ich mir von einem Schwarzwälder einen nicht ganz ernst gemeinten Kommentar zu meinen Kniestrümpfen anhören muss. Ja, ich weiß, es sind nur Skisocken. Aber dafür umso wärmer an den Waden.

Nach schier endlosem Gehen erreichen wir endlich wieder den Segelclub im Winterschlaf und die Schwimmstege. Insgesamt 18 Kilometer haben wir geschafft, den Großteil joggend. Wir sind stolz. Sehr sogar. Auch wenn wir uns mit Mühe in die Hotellobby schleppen. Unser Fazit? Auf jeden Fall ein Aha-Erlebnis.