#3 Erste Schritte

Ein langer Weg beginnt

So, jetzt gibt es keine Ausreden mehr. Die Leistungsdiagnostik bei SpOrt Medizin in Stuttgart ist erfolgreich bestanden, ich weiß wo ich stehe. Und ich stehe besser, als ich dachte: Der Blutdruck war einwandfrei, der Puls im Prinzip auch. Die wenigen „Fehlzündungen“ meines Herzens, Mediziner nennen sie Extra-Systolen, sind unproblematisch. Nur das Gewicht ist noch reduzierfähig, die Kondition, nun ja, ausbaufähig. Also: Laufschuhe schnüren und los.

Ich starte meinen ersten Waldlauf an einem Samstagnachmittag. Das Thermometer verrät heute winterliche frische 5 Grad Celsius, aber wenigstens regnet oder schneit es nicht. Mit einer Baumwollmütze und einer leichten Sportjacke lässt es sich gut aushalten. Die Beine sind in Bewegung, von daher frieren sie eigentlich nicht. Nur über die Finger ziehe ich mir Handschuhe. Von meiner Terrasse geht es direkt auf die Wiesen, die sich oberhalb von Rohrau an den Schönbuchrand schmiegen.

Auf dem ersten Kilometer geht es erstmal rauf. Zunächst über die Streuobstwiesen, dann in den Schönbuch am Gewann Schelmenwasen. Ich schnaufe mich Höhenmeter für Höhenmeter nach oben. Die Beine brennen schon jetzt merklich, der Puls rast. Ich komme mit dem Atmen gerade so hinterher. Es braucht schon eine gewisse Disziplin, immer schön im Takt der Schritte zu atmen: Zweimal ein-, dreimal ausatmen. Diese Frequenz sich meine Lunge scheinbar selbst ausgesucht, aber: ich bekomme kein Seitenstechen. Bleibe also dabei.

Nach gefühlt 100 Höhenmetern – tatsächlich sind es wahrscheinlich weniger – ist die Kondition schon ziemlich aufgebraucht. Eigentlich ein Armutszeugnis: Ich bin vielleicht einen knappen Kilometer auf den Beinen und mache schon schlapp? Nein, also weiter. Ich biege rechts ab auf die Reste eines Weges. Recht schnell geht es nur noch über Stock und Stein, Gott sei Dank habe ich Trekking-Schuhe, Marke Adidas Terrex. Sie haben eine Art Stollenprofil und halten mich stabil im Tritt.

Ich stoße auf einen Pfad, gerade breit genug, um meine Schritte darauf zu setzen. Wenigstens geht es jetzt nicht mehr so steil nach oben. Der Pfad schlängelt sich an dem Hügel entlang Richtung Nufringen und Herrenberg. Der Untergrund ist mal mehr, mal weniger glitschig. Aber der Waldboden federt angenehm. Jetzt ist auch das unangenehme Gefühl nahe der Übelkeit weg, mein Kreislauf scheint sich auf die Belastung eingestellt zu haben.

Auf einmal höre ich hinter mir einen Fahrradfahrer herankommen und lasse ihn vorbei. Okay, das geht natürlich auch. Wenngleich ich Hemmungen hätte, mit einem Mountain Bike über einen Trampelpfad zu pesen, der kaum zwei Hand breit ist. Ich bin froh, selbst nicht auszurutschen und muss oft genug um Schlammpfützen herumtrippeln. So gefällt mir das Joggen aber trotzdem noch deutlich besser, als auf schnödem Asphalt. Durch den abwechslungsreichen Untergrund muss ich mich viel mehr auf meine Schritte konzentrieren. Ich habe das Gefühl, meinen Gelenken tut das gut.

Ich schaue verschwitzt auf mein Handy, das ich ausnahmsweise mitgenommen habe. Es zeigt, dass ich schon 0:26:34 Minuten unterwegs bin. Ganz ordentlich, finde ich. Ich bin noch nicht komplett außer Atem, aber langsam spüre ich, wie mir die Erschöpfung in die Glieder kriecht. Die Füße fangen an zu brennen, von innen kommt auf einmal eine leichte Müdigkeit.

Bei der nächsten Gelegenheit, entscheide ich mich, langsam Richtung Heimat abzubiegen. Über einen Abhang geht es runter zum Waldrand. Den „Abstieg“ absolviere ich allerdings im Gehtempo. Keine Lust, beim ersten Mal joggen gleich umzuknicken. Alles geht gut, ich erreiche einen ebenen Waldweg und pruste weiter gen Rohrau. Auf einer Koppel grasen ein paar Isländer-Pferde. Sie nehmen kurz Notiz von mir und senken dann wieder ihre zotteligen Hälse. Puh, jetzt geht es langsam an die Substanz. Noch mal ein Blick aufs Handy: 0:29:16 Minuten.

Walderde

Endlich erreiche ich die Ortsgrenze, an Bungalows entlang geht es weiter zum Krebsbach. Über die Brücke noch, dann links und die letzten Meter biege ich auf Asphalt ein. Der ist zwar schön glatt. Doch bei diesem Erschöpfungsgrad neige ich dazu, mich in die Schritte fallen zu lassen. Der Aufprall für die Knie fällt viel härter aus. Ich bin nicht unglücklich, endlich meine Terrasse zu erreichen.

Ich japse nach Luft, stütze mich auf den Beinen auf. Herrlich, dieses Gefühl, wenn die Anstrengung nachlässt: Die Beine ziehen kräftig, ich komme wieder zu Atem. Der Blick aufs Handy verrät, dass ich 0:33:45 Minuten unterwegs war und 4.31 Kilometer geschafft habe. Keine 100, aber immerhin 95 Höhemeter habe ich dabei absolviert. Die Geschwindigkeit lag demnach bei 7,49 Stundenkilometern. Im Läuferlatein bedeutet das, für jeden Kilometer habe ich rund 8 Minuten gebraucht. Für eine gute Zeit bei einem Lauf ist das freilich viel zu lahm. Die trainierten Läufer liegen meines Wissens bei nur 6 Minuten pro Kilometer und darunter. Nun gut, es war ja auch nur der erste Schritt. Viele weitere werden folgen. Aber der Anfang ist gemacht. Jetzt geht es erstmal unter die heiße Dusche. Sagenhaft. Habe ich mir verdient.

Euer jps